Gästehaus Boselspitze

Geschichte

Das Gästehaus Boselspitze hat seinen Ursprung in zwei Winzerhäusern des 18. Jahrhunderts. Kaufverträge aus den Jahren 1762 und 1766 belegen, dass die ersten Eigentümer der Grundstücke mit Wohnhaus und Weinpresse ein Lohgerber und ein Gürtlermeister waren. Der Weinbau war für sie und die folgenden Eigentümer Nebenerwerb. Erst gegen Ende des 19.Jahrhunderts entstanden aus den Gebäuden Gasthäuser mit eigenem Schankrecht, die unter dem Namen Deutsche Posel und dem Namen ihrer Eigentümer zu beliebten Ausflugslokalen wurden. 

 

"Vetters Weinschank"

 Der Lohgerber Peter Börne besaß seit 1733 das elbseitige Grundstück auf der der Bosel das 200 Jahre später als „Vetters Weinschank" bekannt wurde. Der Weinbau war für ihn Nebenerwerb. Als Lohgerber stellte er strapazierfähige, Leder, beipielsweise für Schuhsolen oder Sättel her. 1762 verkaufte er das Land samt dem dazugehörigen Winzerhaus an seine Schwiegersöhne Johann Adolph Mey und Gottfried Lorenz Lehmann. Diese arbeiteten als Maler bei der „königlichen Porcellaine Manufactur zu Meißen“. Sie behielten das Grundstück nur kurze Zeit und verkauften es nach dem Siebenjährigen Krieg im April 1764 für 525 Taler an Johann Heydenreuther. Der neue Eigentümer,  war Gastwirt der Meißner Schenke „Zum goldnen Ringe“ die sich bis heute auf dem Meißner Theaterplatz befindet. Das Grundstück blieb bis ins 19.Jahrhundert im Besitz seiner Familie. Seine Tochter Johanne Charlotte, geschiedene Hauptmann von Kotzsch, verkaufte im Jahr 1820 den Weinberg mit Haus und Presse zum gleichen Preis, für den es ihr Vater einst gekauft hatte. Für 525 Taler erhielt es Johann Gottfried Müller, ein ehemaliger Windmühlenbesitzer aus Proschwitz.  

 

Ernst Wilhelm Vetter kaufte das Grundstück 1876. Seine Familie begann eine Gastwirtschaft zu betreiben, welche er zunächst "Deutsche Posel" nannte und die später als „Vetters Weinschank“ bekannt wurde. Zunächst baute Wilhelm Vetter einen Weinkeller an und vergrößerte darüber die Scheune. Der alte Pressraum wurde zum Kuhstall. Es folgten weitere Anbauten die seit 1895 mit einem großen Wohn- und Gaststubenbereich das heutige Bild des Gasthauses prägen. Vetters verfügten nun über zwei Gasträume und drei Weinkeller. Ein großer Kuhstall und die Scheune waren im hinteren Quergebäude untergebracht. Die Gäste bewirtete man mit selbst produziertem Wein, Brot und Käse. Ebenso wie beim Nachbarn herrschte bei Vetters reger Puplikumsverkehr. Manche Besucher fuhren mit dem Schiff von Dresden nach Sörnewitz und wanderten dann die Bosel hinauf. 1898 verkaufte Wilhelm Vetter das Grundstück an seinen Sohn Gustav Adolf Vetter. Dieser führte die Gaststätte gemeinsam mit seiner Frau Hilma Frieda Vetter, bis er 1957 starb. 1963 ging das Grundstück in Eigentum des Volkes über.

 

"Poppkes Tanzlokal" 

Christian Gotthelf Lehmann, gehörte bis 1766 das benachbarte Grundstück, auf dem heute der Aussichtsturm steht. Er erwarb es mit Wohnhaus und Weinpresse, von den Erben des Meißner Stadtschreibers und Bürgermeisters Siegmund Gerlach. Christian Gotthelf Lehman war Gürtlermeister. 1751 erhielt er als zweiter Handwerker in Sachsen die Erlaubnis zum Betrieb einer eisernen Drück-Maschine fürs Knopfmachen. Dafür richtete er in der Meißner Schnurengasse, der heutigen Marktgasse, eine Werkstatt ein, wo die Maschine abgeschlossen verwahrt und streng kontrolliert wurde. Die Behörden fürchteten, mit der Drück-Maschine könnten Falschmünzen hergestellt werden. Im Oktober 1766 verkaufte der damals achtundvierzig Jahre alte Gürtlermeister das Haus und den Weinberg auf der Bosel an den sächsischen Major und Freimaurer Johann Heinrich von Seydewitz. Im Kaufvertrag hieß es:

„Es verkauffet Herr Christian Gotthelf Lehmann, angesehener Bürger und Gürtler zu Meißen, seinen in Sörnewitzer Fluhr, auf der sogenannten Gabel gelegenen, mit Lehn und Gerichten unter das Churfürstl. Sächsische Wohllöbl. Procuratur Amt zu Meißen gehörigen, in seinen Reinen und Vermachungen inne gelegenen, vormals Gerlachischen Weinberg, samt dem darbey befindlichen Hauße und Weinpreße, ... an den hochwohlgeborenen Herrn Johann Heinrich von Seydewitz, Erb-Lehn-und Gerichts-Herrn auf Pülswerda, Churfürst. Durchl. zu Sachsen, wohlbestalten Major von der Infanterie und Commendanten der Garnision zu Meißen, recht erb-und eigenthümlich, um und vor Neunhundertfünfundzwantzig Thaler.“

Johann Heinrich von Seydewitz war einer der geheimnisvollsten Eigentümer in der Geschichte des Gästehauses. Der damals vierunddreißigjährige Major war der älteste Sohn des sächsischen Lieutenants Curt Friedrich von Seydewitz auf Pülswerda und dessen Frau Charlotte Juliane Luise von Bünau auf Wesenstein. Im Siebenjährigen Krieg hatte eine schwere Verletzung seine Karriere bei der königlichen Leibgrenadiergarde beendet. Unter Prinz Xaver wurde er im November 1764 nach Meißen beordert und erhielt als Invalide das Kommando über die Wache der Meißner Porzellanmanufaktur auf der Albrechtsburg. Während sein Regiment von der Stadt Meißen in privaten Häusern untergebracht werden mußte, erhielt von Seydewitz Quartiersgeld und konnte frei über seinen Wohnort entscheiden. 1766 kaufte er das Wohnhaus mit Weinberg auf der Bosel.

Sein jüngerer Bruder Curt Gottlob von Seydewitz hatte 1765 Dorothea Charlotte Henriette von Nizschwitz geheiratet und begonnen den Familiensitz auf Pülswerda auszubauen. Dagegen blieb Johann Heinrich von Seydewitz unverheiratet und folgte im Geheimen anderen Interessen. Als Henricus Eques a Lauro gehörte er zu den inneren Ordensbrüdern der freimaurerischen Tempelritter. Er war Mitglied der Dresdner Loge „Zu den drei Palmen“, die 1755 durch Baron von Hund eine Constitution der Strikten Observanz erhielt und später in der Schwerterloge aufging.

Das Seydewitzer Wachregiment auf der Albrechtsburg bestand bis 1772. Dann wurde es aufgelöst und durch zivile Posten ersetzt. Wenige Monate später, am 30.Januar 1773, brach im Holzlager der Manufaktur ein großer Brand aus, welcher das Gewölbe der Hofstube zertörte und den Nordflügel bis zum großen Saal im Mittelbau erfasste. Nachdem die Schäden behoben waren, wurde der Wachauftrag an Kompagnien übertragen, welche in Meißen garnisoniert waren. Der inzwischen pensionierte Johann Heinrich von Seydewitz kehrte nicht mehr in den aktiven Dienst zurück. Laut einer Familienchronik soll Johann Heinrich von Seydewitz im Oktober 1783, im Alter von 50 Jahren, verstorben sein. Drei Jahre zuvor hatte er sich nach Roda zurückgezogen und das Anwesen auf der Bosel mit dem gesamten Inventar und allen Möbeln an den Gastwirt Johann George Rollbusch verkauft. Dieser war Eigentümer des Gasthofes „Drei Rosen“ auf der Vorbrücke zu Meißen. Im November 1779 schloss er mit Johann Heinrich von Seydewitz einen Erbkaufvertrag über 1600 Taler für den Weinberg, das Wohnhaus mit dazugehörigem Pressgerät und allen Möbeln.

 

1872 kaufte Friedrich August Schlechte das Grundstück, auf dem er später den Aussichtsturm erbauen lies. Zunächst stellte er 1774 den Antrag zum Wiederaufbau von Wohnhaus, Stall und Scheune nach einem Brand. Die Erweiterung zur Gaststätte mit dem Namen Deutsche Posel begann er 1888. Er ließ einen Gesellschaftssaal und darunter einen großen Weinkeller mit Rundgewölbedecke errichten. Heute dient der Keller als Gastraum. Im Februar 1898 beantragte Schlechte den Bau des Aussichtsturms. Architekt und Baumeister war Max Heinrich aus Dresden-Löbtau. Bereits im Dezember 1898 erfolgt die Fertigstellung und Genehmigung. Der Bauherr betrieb die Gaststätte nur kurze Zeit selbst.

1902 verkaufte Friedrich August Schlechte das Anwesen an den Meißner Fleischermeister Hermann Maximiliean Friedrich und zog nach Zaschendorf. Doch der Fleischermeister hatte kein Glück. Das Wohnhaus und der Gesellschaftssaal fielen einem Brand zum Opfer und Maximilian Friedrich musste Konkurs anmelden. 1903 wurde die Zwangsverwaltung über das Grundstück angeordnet, das zunächst wieder an Friedrich August Schlechte fiel. Dieser nahm den Wiederaufbau und Genehmigung eines neuen Gesellschaftssaales entlang des Boselweges in Angriff. Auch den darauf folgenden Eigentümern gelang es zunächst nicht, das Gasthaus erfolgreich zu betreiben. 1904 kaufte der Gastwirt Friedrich Oswald Tillig das Objekt und bereits ein Jahr später wurde die Zwangsversteigerung angeordnet. Den Zuschlag erhielt der Gastwirt Friedrich Hermann Seiler, der kurz darauf verschuldet verstarb. Daraufhin erwarb Gastwirt Ernst Clement Berndt das Grundstück und 1907 Amalie Henriette Müller, die das Objekt verpachtete. 

 

Erst Familie Poppke gelang es, das Haus als florierendes Ausflugslokal mit Tanzveranstaltungen zu etablieren. 1915 kauften die Brüder Erich Robert Hermann Poppke und Konrad Otto Alfred Poppke das Objekt als Gesellschafter und erhielten zunächst die Schankkonzession für geschlossene Gesellschaften. Die Bosel zog zwar bei schönem Wetter viele Gäste an, allerdings war der Erwerb stark von den Witterungseinflüssen abhängig. Nach der Schließung einiger Säle in der Umgebung beantragten Poppkes deshalb 1924 die Konzession für öffentliche Tanzveranstaltungen und bald war Poppkes Ausflugslokal mit Saal und Tanzveranstaltungen bis nach Dresden bekannt. Nach dem Tod der Gebrüder Poppke verkaufte Erich Poppkes Tochter Ida Schumacher die „Deutsche Bosel“ im Jahr 1943 an Maria Kindermann aus Meißen. Diese plante den Ausbau und die Erweiterung des Objektes um 200 Sitzplätze und reichte umfangreiche Bauanträge ein. Tatsächlich kam es jedoch nur zum Ausbau einer Toilettenanlagen und eines kleinen Vorbaus am Saal. Gefangene wurden auf dem Grundstück untergebracht und nach dem Krieg Flüchtlinge. 1949 verkaufte Maria Kindermann das Grundstück und es wurde an Jutta Weber verpachtet, die eine Windhundezucht betrieb. Auch die LPG nutzte das Grundstück, welches zunehmend verkam, zur Schaf und Hühnerhaltung.

 

„Kinderferienlager“

1963 übernahm das Volkseigene Braunkohlekombinat Lauchhammer beide Grundstücke und baute sie zum Kinderferienlager um. Vetters Kuhstall und Scheune wurden aufgestockt und das gesamte Gebäude wurde zum Bettenhaus umfunktioniert.  Auf dem gegenüberliegenden Grundstück lies Lauchhammer den Saal vergrößern und 10 Bungalows für zusätzliche Betten bauen. Durchgänge mit bis zu 400 Kindern verbrachten in der Einrichtung ihre Ferien. Nach 1989 standen die Häuser leer und wurden erst 10 Jahre später in  Privatbesitz verkauft. Das heutige "Gästehaus Boselspitze" entstand.   

Gästehaus Boselspitze, Boselweg 101-102, 01662 Meißen, Telefon: 03521-402757